claim von gute-banken

Ackermanns „Risikomoral“: Erlaubt ist alles, was nicht verboten ist.

Oder: Die statistische Legitimation des Finanzmarkts.

Am 23.12.10 erscheint im Handelsblatt ein Interview mit Josef Ackermann. Unter dem hochanständig klingenden Titel „Wir brauchen eine neue Risikomoral“ zeigt Ackermann uns – passend zum christlichen Weihnachtsfest - in der wie üblich irrsinnig logisch klingenden Manier mal wieder, dass wir alle schuld sind…

Besonders markant wird das an zwei Thesen, die Ackermann im Interview mal eben aufstellt – und die wie immer so selbstverständlich klingen, als wären sie die Frohbotschaft über die man nicht groß nachdenken muss:

 

  1. Märkte repräsentierten letztlich ja nichts anderes „als die Willensäußerungen von Millionen Bürgern".

 

  1. Diese Märkte „erwarten von der Politik geradezu, dass sie strukturiert und planmäßig vorgeht sowie überzeugende und abgestimmte Lösungen vorlegt.“

 

Das entspricht auf gewisse Weise der liberalen Denkweise, der nicht nur Josef Ackermann nachhängt: Der Markt wird es schon richten. (Und wenn er es nicht tut, wird er halt reguliert).

 

Diese angeblich so „marktorientierte“ Denkweise und das Aufrufen des Bürgerwillens hat bei genauerer Betrachtung für jeden Banker einen großen Vorteil: Er kann sich jederzeit prima darauf rausreden. Das Strickmuster ist einfach: Als Bänker sind wir ja ganz demütig – wir machen doch nur, was die Menschen wollen. Schön wär’s ja, wenn es stimmen würde. Tut es aber nicht. Denn hinter diesen beiden so beiläufig formulierten Thesen schwingt bei genauerer Betrachtung der logische Schluss mit:

 

Wenn wir was anders machen sollen, müsst Ihr uns schon dazu zwingen.

 

Um diese Logik zu durchdringen, lohnt es sich wie immer, ein wenig tiefer zu graben…

 

Was ist ein Markt?

 

Wie gesagt: Das hört sich alles so einfach und logisch an. Allerdings beinhaltet diese Denkweise ein Paradox: Der Begriff „Markt“ kann verschiedene Bedeutungen haben:

 

Zunächst ist ein Markt laut Gablers Wirtschaftslexikon einfach nur das „Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage, aufgrund dessen sich Preise bilden.“ Aus dieser Sicht bezieht sich ein etablierter Markt nicht auf die Frage „Will ich das haben?“. Sondern bestenfalls nur auf die Frage: „Was kostet das? Was bin ich und was sind andere bereit, dafür zu zahlen?“

 

Soviel zur Mikroökonomik. Und in der Volkswirtschaft? Da ist der Markt auch keine Frage des Willens, sondern nur eine abstrakte rechnerische Größe. Er wird auch hier lediglich als eine Konstruktion betrachtet, mit der Preise gefunden werden. Er entsteht, wenn Angebot und Nachfrage auf viele Teilnehmer treffen. Im Idealfall geht man von einer „atomistischen Struktur“ aus – also einer sehr großen Vielfalt von Anbietern und Nachfragern. Ist die Vielfalt kleiner, spricht man von einem Oligopol, in dem nur wenige Anbieter den Preis bestimmen können. Gibt es nur einen Anbieter, hat er ein Monopol und bestimmt den Preis.

 

Man kann es aus dieser Sicht auch mal einfach so formulieren: Sie haben uns die ganze Zeit mit ihrem Marktbegriff an der Nase herumgeführt. Sie tun so, als würden sie den Willen der Bürger erfüllen. Dabei geht es ihnen nur um den Preis. Oder eben um die Rendite. Es geht nicht um den Willen.

 

Es geht bei der Argumentation des Marktes als „Wille von Millionen von Bürgern“ um die Legitimation dessen, was man treibt. Die Logik ist perfide:

 

„Was wollt Ihr denn? Wir sind ja als Marktspieler doch die besten Volksvertreter – die Tatsache, dass es diese Art Finanzmarkt überhaupt gibt, legitimiert uns statistisch gesehen zu allem, was wir tun. Nur wenn es den Markt nicht gäbe - dann würden wir das alles ja auch nicht machen. Es gibt ihn aber. Und deshalb ist erstmal alles richtig, was wir tun – weil es ja ganz offenbar akzeptiert wird…

 

 

Markt und Risikomoral

 

Die Legitimation des Marktes aus seiner statistisch nachweisbaren Existenz ist in sich ein Ausdruck der allgemeinen Denkweise: Was ausgerechnet oder gezählt werden kann, ist richtig. Es geht in dieser auf Zahlen basierenden Betrachtungsweise eben auch nicht um Begriffe wie Verantwortung oder gar „Moral“, die Ackermann da so geschickt apostrophiert:

 

Welche Rolle spielen die Banken und die vielen anderen Akteure der Weltfinanzmärkte beim Entstehen und möglicherweise beim Lösen der Probleme?

Ackermann: Die Banken haben rasch die Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen und die neuen regulatorischen Anforderungen umzusetzen. Zu den Lehren gehört für mich: Wir brauchen eine neue Risikomoral, die verantwortungsbewusstes Handeln prägt.

 

Wenn Ackermann den Begriff Risiko mit dem Begriff der Moral verknüpft, muss man förmlich nachhaken. Was ist eigentlich ein „Risiko“? Gablers Wirtschaftslexikon beschreibt das so:

 

Kennzeichnung der Eventualität, dass mit einer (ggf. niedrigen, ggf. auch unbekannten) Wahrscheinlichkeit ein (ggf. hoher, ggf. in seinem Ausmaß unbekannter) Schaden bei einer (wirtschaftlichen) Entscheidung eintreten oder ein erwarteter Vorteil ausbleiben kann.

 

Ein Risiko ist also etwas, das mit möglichen Schäden umgeht. Angesichts von Finanzprodukten, die ihren Kontakt zur physischen Realität per Definition aufgegeben haben (wie z.B. Zertifikate, CFD, Zins-Swaps, Indexfonds oder Hebelgeschäfte die nur noch auf abstrakte Preisdifferenzen wetten) wird der Begriff des Schadens abstrakt. Selbst wenn der Schaden auftritt, wird er nicht zu fühlen oder anders als in abstrakten Zahlenreihen zu sehen sein. Das liegt in der Natur der Dinge.

 

Das Paradox aus Moral und Finanzmarkt

 

An dieser Stelle wird es so richtig paradox: Dreht man die statistische Argumentation gegen sich selbst, entsteht ein seltsames Bild: Denn eine sogenannte Risikomoral könnte es im Grunde nur dann geben, wenn die beteiligten Akteure ihre Anbindung an die gesellschaftliche Realität wieder finden würden. Frage: Was würde passieren, wenn diese Konstellation eintreten würde?

 

Es steht zu vermuten, dass die Akteure dann sehr viel vorsichtiger werden würden (wie z.B. Sparkassen und Genossenschaftsbanken).

 

In der Konsequenz würden sie viele Dinge einfach nicht mehr machen – was am Ende dazu führen würde, dass es den Finanzmarkt in der heutigen Form als „Markt“ (also als Ort des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage) ganz einfach nicht mehr geben würde. Denn intransparente, fiktive und hochriskante Produkte und Instrumente wie Hebelgeschäfte und Wetten auf manipulierbare Marktbewegungen würden dann aus Gründen der Verantwortung ja gar nicht mehr angeboten – und könnten deshalb auch nicht mehr nachgefragt werden.

 

Der Finanzmarkt in seiner heutigen Form würde sich im Grunde einfach selbst abschaffen – einfach weil er zu hohe reale Risiken für die Gesellschaft vermeiden würde. Und deshalb von all den schönen intransparenten und spekulativen Instrumenten Abstand nehmen würde.

 

Die mögliche Probe aufs Exempel…

 

Josef Ackermann stellt die These auf, dass der heutige Finanzmarkt auf dem Willen von Millionen von Bürgern basiert: Wenn das wirklich so wäre, müsste es ja ein Leichtes sein, das empirisch nachzuprüfen: Wir nehmen also alle unser Handy und wählen zufällig 10 Kontakte aus, die wir dort gespeichert haben.

 

Dann stellen wir einfach zwei Fragen:

 

A: „Hast Du gewollt, dass der Finanzmarkt sich mit Produkten wie Verbriefungen, Kreditversicherungen auf nicht-existente Kredite, ungedeckten Leerverkäufen, ETF, CFD, Zertifikaten und anderen Wetten völlig von der (gesellschaftlichen) Realität und ihren Notwendigkeiten entfernt?

 

B: Hat Dich Dein Banker jemals davon überzeugt oder überzeugen wollen, eines von diesen Produkten zu nutzen?

 

Wäre ja mal interessant, was dabei herauskäme…

 

Fazit:

 

Was bleibt nach diesem so seltsamen Jahr 2010 zu sagen? Vielleicht nur das eine: Vieles, was wir alle so lesen und denken sollen, dient nur einem Zweck. Wir sollen die scheinbare innere Logik des Marktes akzeptieren und sie nicht wirklich hinterfragen. Um das noch einmal deutlich zu machen, zitieren wir uns der Einfachheit mal wieder selbst – dieses mal aus unserem im Juni erschienenen Artikel „Statistisch gesehen sind wir das Volk“:

 

„Es ist im Grunde seltsam, dass niemand sich das wirklich klar macht und es mal ausspricht: Die börsennotierten Großbanken und auch ihre Art zu rechnen halten in Deutschland keinen Marktanteil, der ihren Auswirkungen für alle entsprechen würde. Die Proportionen stimmen einfach nicht. Großbanken engagieren sich statistisch gesehen nicht im großen Stil für die Menschen. Dennoch können sie, wie man sieht, die Unterstützung der Menschen im großen Stil reklamieren.  Wo liegt der Denkfehler?

Wahrscheinlich darin, dass uns allen von den Massenmedien und auch von der sogenannten konservativen Politik so lange eingeredet wurde, dass dies alles schon seine Richtigkeit hätte: Dass die Welt übers Geld bewegt würde und nicht über etwas anderes. Dass die Wirtschaft nichts mit den Menschen zu tun hätte. Und dass die richtigen Banken eigentlich nur die Großbanken wären. Kaum einer erlaubte sich noch, hier radikal kritisch etwas zu sagen. Ist daran überhaupt noch irgendetwas richtig?

 

Wie sehr eine andere Denkweise nötig ist, zeigt auch das Handelsblatt-Interview mit Josef Ackermann. Er steht wie kaum ein anderer für diese Denkweise – was nicht heißt, dass er der einzige ist, der so denkt. Es steht auch zu vermuten, dass er das Meiste von dem, was er sagt, auch wirklich selbst glaubt. Was kein Wunder wäre. Denn wie gesagt: Das klingt im Grunde alles irrsinnig logisch. Und das ist es – bis auf ein paar Paradoxa - auch. Solange die Prämissen dieser Logik sich nicht ändern, wird sich auch der Finanzmarkt nicht ändern.

 

Wir freuen uns auf 2011!

weitere Einträge

Kommentare

Kommentar schreiben

Bleiben Sie bitte sachlich und themenbezogen in Ihren Beiträgen und unterlassen Sie bitte links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende und verleumderische Aussagen.