Neun Fragen an Dr. Peter Aubin: Gewinn runter. Kundennutzen rauf.
„Bank ist Bank. Da gibt es doch eh keinen Unterschied, weil sie alle vor allem auf den eigenen Vorteil gucken.“ Es dürfte bekannt sein, dass wir von diesem oft gehörten Argument wenig halten. Wir sagen eben: Es liegt nicht an der Tatsache, dass man mit Geld umgeht - sondern an der Denkhaltung und den Zielen, die man verfolgt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Volksbank Göppingen, für die eine wirksame Unterstützung ihrer Mitglieder die oberste Leitlinie der Geschäftspolitik ist. Und eben nicht die Gewinnerzielung. Wir stellten ihrem Vorstand, Dr. Peter Aubin, unsere traditionellen “neun Fragen“…
Herr Dr. Aubin, Sie haben jahrelang für die Deutsche Bank gearbeitet und dann sind Sie zu den Genossen gewechselt. Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die wesentlichen Unterschiede zwischen einer großen und börsennotierten Privatbank und einer bodenständigen regional orientierten Genossenschaftsbank?
P.A: Die großen, börsennotierten Geschäftsbanken gehören internationalen Anlegern, die vor allem ihren Aktienwert steigern wollen. Die Geschäftsbanken orientieren sich daher am shareholder value. Daraus folgt ihr Streben nach Gewinnmaximierung, das letztlich den Kundeninteressen zuwiderläuft und allein durch den Wettbewerb begrenzt wird. Genossenschaftsbanken gehören dagegen ihren Kunden, deren Geschäftsanteile im Wert gar nicht steigen können. Die Anteile können lediglich zum Nominalwert zurückgegeben werden. Abgesehen von einer angemessenen Dividende interessieren sich die Kunden von Genossenschaftsbanken folglich nicht für eine Wertsteigerung ihrer Anteile. Für sie stehen vielmehr günstige Konditionen und ein guter Service im Vordergrund. Da Kunden und Geschäftsinhaber dieselben Personen sind, besteht insofern bei Genossenschaftsbanken eine völlige Identität der Interessen von Kunden und Inhabern. Diese richten sich auf die Minimierung des Gewinns und die Maximierung des Kundennutzens hinsichtlich Service und Konditionen.
In Zeiten der Krise(n) zogen manche Banken und auch die Politik ja gerne das Argument „too big to fail“. Josef Ackermann sprach hier ja oft über den Staat als Aktionär der letzten Instanz oder „lender of last resort“. Wer waren bei Genossenschaftsbanken die Retter in der Krise?
P.A: Genossenschaftsbanken sind eher kleinere Institute und daher nicht zu groß zum Umfallen. Dennoch ist in den letzten 70 Jahren in Deutschland noch nie eine Genossenschaftsbank insolvent geworden. Das liegt an der Sicherungseinrichtung, mit der die Genossenschaftsbanken sich untereinander stützen, falls einmal ein Institut in eine Schieflage gerät. Entsprechend war die genossenschaftliche Säule die einzige der 3 Säulen im deutschen Bankgewerbe, die in der jüngsten Finanzkrise ganz ohne Staatshilfe ausgekommen ist.
Meist wurde in diesem Zusammenhang die Systemrelevanz nicht nur aus dem Risiko des Zusammenbruchs des Interbankenmarkts, sondern auch einer Kreditklemme bei mittelständischen Unternehmen angeführt. Hätte das letztere wirklich passieren können?
P.A: Die Systemrelevanz erstreckt sich durchaus auch auf die Kreditversorgung mittelständischer Unternehmen. Das kann man jetzt in den Peripherieländern (Italien, Spanien, Portugal, Griechenland) beobachten, wo die Banken aufgrund der Finanzkrise dermaßen angeschlagen sind, dass sie nicht mehr genug Eigenkapital haben, um neue Kredite zu vergeben. Dort herrscht tatsächlich eine Kreditklemme, die das Wirtschaftswachstum abwürgt. In Deutschland gibt es dagegen keine Kreditklemme. Hier tragen Sparkassen und Genossenschaftsbanken traditionell den Hauptanteil an der Kreditversorgung des Mittelstands. Beide Institutsgruppen sind aufgrund ihres bodenständigen Geschäftsmodells bisher gut durch die Finanzkrise gekommen. Der deutsche Mittelstand muss daher keine Kreditklemme befürchten.
Die Groß- und Direktbanken genießen durch die Billigkredite der EZB derzeit erhebliche Refinanzierungsvorteile. Um Kunden zu gewinnen und noch mehr Liquidität anzusaugen werben sie parallel aggressiv mit Festgeld-Konditionen, die meist nur für Neukunden gelten. Bietet die Volksbank Göppingen auch Konditionen, die nur für Neukunden gelten?
P.A: Wir bieten aus ganz grundsätzlichen Erwägungen Neukunden keine Begrüßungsgelder und Sonderkonditionen an. Wir meinen, eine Genossenschaftsbank muss alle Kunden gleich behandeln, große und kleine, reiche und arme und eben auch neue und alte Kunden. Uns stört nicht nur die Subventionierung großer Banken durch die billigen Gelder der EZB, uns stört auch, dass große Banken, die in der Krise durch staatliche Hilfen gestützt werden mussten, mit Sonderkonditionen und Begrüßungsgeldern Neukunden werben (Beispiel: Commerzbank). Das ist eine gravierende Wettbewerbsverzerrung.
Ein weiteres Argument für die Großbanken wäre die Internationale Aufstellung. Konkret: Begleiten Sie auch Mittelstandsunternehmen auch im Ausland oder müssen Sie international orientierte Unternehmen „abgeben“?
P.A: Vor allem über unsere genossenschaftliche Zentralbank (DZ-Bank) haben auch wir weltweite Verbindung und können unsere Kunden im Auslandsgeschäft bestens begleiten. Darüber hinaus gibt es auch im Ausland überall „cooperative banks“, mit denen wir zusammenarbeiten.
Die Volksbank Göppingen positioniert sich als Direktbank und Beraterbank in einem. Neben der telefonischen Beratung für komplexere Geschäfte bieten Sie auch Unterstützung neuerdings per Skype an. Wie läuft das an?
P.A: Skype wird mittlerweile in allen Familien gern als kostenloses Bildtelefon benutzt, um mit den in der Ferne wohnenden Freunden und Familienangehörigen zu telefonieren. Wir waren deshalb sicher, dass unsere Kunden das Instrument auch gerne für die Bankberatung nutzen würden. Entgegen unserer Erwartung ist das bisher noch nicht der Fall und das Echo auf unser Angebot noch sehr gering. Aber wir sind überzeugt: Es ist nur eine Frage der Zeit und dann wird Skype ein sehr wichtiges Beratungsmedium. Es ist eben wie bei Allem, was neu ist – es dauert seine Zeit, bis es richtig akzeptiert wird. Wir lassen uns jedenfalls nicht entmutigen und bieten die Beratung via Skype weiter an.
Denken wir mal 20 Jahre in die Zukunft: Wenn die Kunden alle „onliner“ bzw. „digital natives“ sind - wird es dann noch Filialen geben?
P.A: Es wird auch in der Zukunft noch Bankfilialen geben, mindestens weil sich die persönliche Begegnung des Kunden mit seinem Berater für kompliziertere Geschäfte wie Baufinanzierungen und Vermögensanlagen besser eignet. Sicher ist aber auch: aufgrund der steigenden Nutzung der neuen Medien (Internet, Bildtelefonie) wird die Zahl der Filialen bedeutend abnehmen.
Ihr Haus hat 2011 ca. 300.000 € an soziale Initiativen in der Region gespendet. Mal eine ketzerische Frage: Warum schütten Sie diese Gelder nicht an ihre Mitglieder aus?
P.A: Jedes Unternehmen hat in seiner Region auch eine soziale und kulturelle Verantwortung zu übernehmen. Erst recht steht es einer Genossenschaftsbank gut zu Gesicht, wenn sie in ihrer Region als Mäzen und Sponsor auftritt. Unsere Mitglieder können sich bereits über 2 Millionen Euro Dividenden freuen und haben deshalb gar kein Problem damit, wenn ihre Bank auch Geld für kulturelle und soziale Zwecke ausgibt. Im Gegenteil, unsere Mitglieder haben mit Freude die Errichtung unserer Volksbank-Stiftung bewilligt, die mit einem Dotationskapital von bisher einer Million Euro Studienstipendien an hochbegabte Abiturienten aus der Region vergibt.
Und noch eine Frage, die in der heutigen Zeit gestellt werden muss: Die DekaBank als Zentralbank der Sparkassen hat kürzlich ihren kompletten Verzicht auf Rohstoff-Spekulation mit Nahrungsmitteln erklärt. Spekuliert die Volksbank Göppingen mit Nahrungsmitteln?
P.A: Auch wir halten die Spekulation in Agrarrohstoffen für bedenklich. Es darf nicht sein, dass internationale Finanzanleger mit ihrer Spekulation die Preise für Lebensmittel nach oben treiben und damit die arme Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern in den Hunger treiben. Für uns sind deshalb Agrarrohstoffe bei den Eigenanlagen tabu und in der Wertpapierberatung für unsere Kunden halten wir auch nichts davon.
Herr Dr. Aubin, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch!
Quelle: Volksbank Göppingen eG
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